Samstag, 15. Januar 2011

Privileg - nur eine Sache der Betrachtungsweise?!

Ich habe eben auf der Formspringseite von @EinAugenschmaus folgende Frage gelesen:

Part #1 Hah, das hab ich gerne: privilegiert zu sein: dank Cochlear Implantat das Hören ab- und anzustellen zu können (sogar die Vögel singen hören kannst du), aber du beschwerst dich über teilweise fehlende Untertitel bei Fernsehsendungen.

Ich schwanke jetzt zwischen Irritation und Sarkasmus muss ich sagen ... irgendwie befremdet mich die Ansicht das jemand auf Grund fehlender Sinne/körperlichen Möglichkeiten privilegiert sein soll nur weil er einen Weg gefunden hat (finden musste) diese auf irgendeiine Art zu  kompensieren.
Bin ich privilegiert weil ich mit dem Rollstuhl immer einen eigenen Stuhl bei mir habe nur weil Läufer evtl. stehen müssen? Oder ist es ein Privileg in eine Kneipe nicht reinzukommen oder dort nicht zur Toilette zu können weil dort könnte es ja langweilig oder versifft sein?
Ich habe meine Behinderung nie als Last gesehen, sie ist einfach ein Teil von mir und ich bin eben u.a. auch deshalb eben so wie ich bin, aber ein Privileg? Nein, sicher nicht.
Es ist für mich ein Privileg heute zu leben und nicht z.B. in der Hitlerzeit denn da hätte man wohl nicht von leben sprechen können, aber etwas nicht zu können kann doch kein Privileg sein?!

Ich verstehe gar nicht recht wie man überhaupt auf den Gedankengang kommt und wahrscheinlich sollte ich einfach nicht drüber nachdenken ... merkwürdig finde ich es aber dennoch.

Oder müsste ich einfach nur meine Betrachtungsweise ändern? In Zukunft also in Alltagssituationen eher so denken:
Rampe vom Bus kaputt -> Privileg! Es könnte jmd drin sitzen der ganz schrecklich riecht
Lokal/Geschäft mit Stufen -> Geld gespart, okay Hunger nicht gestillt/keinen schönen Abend gehabt aber da war es sicher eh doof
Straßenbahn mit Stufen -> oh juhu, ich darf hier noch stehen und warten und dabei die Menschen beobachten und danach in eine neuere Bahn steigen falls sie auch fährt
vom Mobilitätsservice der Bahn vergessen -> toll, ich darf länger am Bahnhof stehen, frische Luft! Oder alternativ: Ich darf mich länger im Zug aufhalten als alle andern - kann es was schöneres geben?! ;)
Kampf mit der Krankenkasse wg Hilfsmitteln -> oh schön, ich kenne die Gesetzestexte jetzt richtig gut
mal wieder was auf den Boden geworfen weil die Spastik besonders plagt -> juhu ich tue etwas Normales und wer braucht schon Geschirr - und diese extra Bewegung, der Kalorienverbrauch...
Schmerzen -> ach, man freut sich dann ja viel mehr wenn sie weg sind
schlechte Augen -> ich seh die Gesichter der hässlichen Leute nicht

Und die Bereiche in denen ich dann wohl unterprivilegiert bin die lass ich einfach unter den Tisch fallen weil wenn ich nur die Betrachtungsweise ändere könnte alles ein Privileg sein :)

Kommentare:

  1. Toller Beitrag!

    Eine Freundin von mir hat sich mal bei der Behindertenbeauftragten von Köln beschwert, dass es sehr oft nicht möglich ist, Rollstuhlplätze im normalen Vorverkauf zu buchen sondern man zum Veranstalter muss. Sie bekam darauf hin die Antwort, dass es doch ein Privileg sei, beim jeweiligen Theater (o. ä.) buchen zu dürfen, in dem Zuge könne man ja auch gleich Fragen zum Eingang und zur Toilettensituation klären.

    Ja, toll. Wenn ich diese Dinge wissen muss, rufe ich eben dort an. Aber eventuell kennt man einen Ort ja schon gut und weiß um die Gegebenheiten. Da wäre es doch eine enorme Erleichterung, nicht bis mitten nach Köln zum Theater zu müssen, sondern einfach beim örtlichen Ticketservice zu kaufen.

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  2. Ja, ein ziemlicher Topfen, der da geschrieben wurde. Wahrscheinlich spricht da der Neid heraus, selbst mit dem Leben nicht klarzukommen, während andere zu wahren Lebenskünstlern werden. Und es fehlt natürlich der Respekt vor der Leistung, die hinter der (Über-)Lebenskunst steckt.

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